Late Night Günther Jauch: Wie die Linke Bundespräsident Gauck vereinnahmt
Das Buffet ist abgeräumt, die Sektgläser sind gespült: Schluss mit der rot-grün-gelb-schwarzen Joachim-Gauck-Party der vergangenen Wochen. Ab jetzt wird es Ernst. Nun muss Gauck im Amt des Bundespräsidenten zeigen, welche der vielen Erwartungen er erfüllen will. "Joachim Gauck - der Volks-Präsident?", fragte Günther Jauch am Sonntagabend.
Auf die Euphorie-Bremse hatte das 72-Jährige Staatsoberhaupt schon selbst mit seiner kurzen Rede nach der Wahl getreten. "Ganz sicher werde ich nicht alle Erwartungen, die an meine Person und meine Präsidentschaft gerichtet werden, erfüllen können", sagte Gauck. Die Reaktion von Jauchs Gästen: Sie packten noch eine Schippe an Erwartungen obendrauf. Ganz klammheimlich positionierten sich dabei die Linken so, dass sie als erklärte Gauck-Gegner am Ende die heimlichen Sieger der Gauck-Wahl werden könnten.
Die Sache mit dem Mantel
FDP-Chef Philipp Rösler, Linken-Chefin Gesine Lötzsch, der ehemalige SPD-Chef Hans-Jochen Vogel, der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber und "Spiegel"-Chefredakteuer Georg Mascolo saßen bei Jauch. Dazu führte der Moderator ein kurzes Gespräch mit Sibylle Hammer. Die zählt seit 50 Jahren zu Gaucks Freunden und war auch Gast auf dessen privater Wahlparty. Für ein paar Sätze ließ Jauch sie in sein Studio kutschieren.
Die wesentliche Erkenntnis: Als Bundespräsident wird einem stets der Mantel abgenommen. So wenig aufregend dieser intime Einblick in das Umfeld des neuen Staatsoberhaupts war, so wenig überraschend waren die Kommentare der prominenten Gäste über den elften Bundespräsidenten. "In der Tat ist er ein Mann der Freiheit", sagte Rösler, der von Jauch als der Gauck-Macher eingeführt wurde. "Joachim Gauck war immer ein hochinteressanter Mann", sagte Stoiber, der 2010 noch Christian Wulff gewählt hatte. Gesine Lötzsch, Parteichefin Die Linke: "Die zentrale Frage, die uns von ihm trennt, ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sein Freiheitsbegriff klammert die Frage der sozialen Gerechtigkeit unserer Meinung nach aus." Philipp Rösler, FDP-Bundesvorsitzender: "In der Tat ist er ein Mann der Freiheit." Edmund Stoiber, CSU-Ehrenvorsitzender: "Joachim Gauck war immer ein hochinteressanter Mann." Georg Mascolo, Chefredakteur "Der Spiegel": "Die Erwartungen an Joachim Gauck sind unglaublich groß. Er spielt schon heute in einer Klasse mit Helmut Schmidt." Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Chef: "Mein Respekt denen, die ihren Irrtum korrigiert haben" (bezogen darauf, dass anders als 2010 nun Union und FDP für Gauck waren)
"Spiegel"-Chef Mascolo verteilte direkt Lorbeerkränze: "Er spielt schon heute in einer Klasse mit Helmut Schmidt." Und Vogel wählte den Vergleich mit dem von vielen als Idealtypus angesehenen Bundespräsidenten: "Ich könnte mir vorstellen, dass Gauck insbesondere an Richard von Weizsäcker anknüpft." Soviel zu dem Thema, nicht zu hohe Erwartungen zu formulieren.
Linke vermisst die soziale Gerechtigkeit
Natürlich wollte Linken-Chefin Lötzsch in diesem Mainstream nicht mitschwimmen. Die Linken hatten mit der Aufstellung ihrer eigenen Kandidatin Beate Klarsfeld nicht nur viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie konnten die aussichtslose Gegenkandidatur auch als Erfolg verbuchen, weil Klarsfeld drei Stimmen mehr bekam, als die Linke Wahlleute hatte.
Aber nicht allein deshalb könnte sich diese Bundespräsidentenwahl für die Linken als Erfolg erweisen. Denn während die anderen mit ihren großen Worten und Komplimenten für Gauck nur noch in Superlativen schwelgen, sind die Linken in ihrer Kritik an ihm ganz bodenständig und konkret. "Die zentrale Frage, die uns von ihm trennt, ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sein Freiheitsbegriff klammert die Frage der sozialen Gerechtigkeit unserer Meinung nach aus", sagte Lötzsch.
Griffig klang das im Vergleich zu dem Überbietungswettbewerb der anderen Gäste. Und dann beschrieb die Linken-Chefin die deutsche Gesellschaft im typischen Sprech ihrer Partei als "sozial völlig gespalten". Sie benannte dabei die Insolvenz von Schlecker und die Probleme der vielen Menschen, deren Gehalt fürs Leben nicht mehr reicht. Und Gauck? Der sei ein Vertreter der gehobenen Mittelschicht.
"Er hat gesagt, er arbeitet daran"
Das war natürlich überspitzt und stieß auch auf Protest und Gegenwehr gerade von Stoiber und Vogel. Aber es ist nicht nur so, dass Lötzsch und ihre Genossen hier ein eigenes linkes Thema gesetzt haben, das laut von Jauchs Redaktion zitierter Leserbriefbeiträge ostdeutscher Zeitungen auch eine tatsächlich vorhandene kritische Stimmung über den neuen Bundespräsidenten bedient. Nein, Lötzsch tat auch ganz frech so, als habe Gauck das Problem erkannt und sei auf die Linken zugegangen.
Nach der Wahl hätten sie sich über die Kritik der Linken an seinem fehlenden Einsatz für soziale Gerechtigkeit unterhalten. "Er hat gesagt, er arbeitet daran. Darum bin ich guter Hoffnungen, dass die Diskussionen, auch die kritischen Diskussionen um ihn etwas bewegt haben." Während Gauck sein Hauptthema seiner Präsidentschaft nun erst noch finden muss, hat die Linke also schon ihr Thema gefunden, an dem sie ihn messen wird.
Intimes aus dem Koalitionsgeschehen
Damit ist die Partei der FDP und deren Chef Rösler um einiges voraus. Denn bisher können die Liberalen noch keinerlei Profit daraus schlagen, dass Rösler Gauck bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bis zum Risiko des Koalitionsbruchs durchgesetzt hat. Und im Gegenteil erscheint Röslers Taktieren bei der Festlegung auf Gauck durch sein eigenes Zutun inzwischen als ein bisschen peinlich. Jauch spielte Auszüge aus dem Besuch Röslers bei Markus Lanz ein, bei dem dieser wie ein naseweiser Pennäler und mit kaum unterdrücktem Stolz Intimes aus dem Koalitionsgeschehen ausgeplaudert hatte.
Speziell Merkel hatte Rösler bei diesem Auftritt bei Lanz bloß gestellt. Jauch fragte die alten Politik-Recken Vogel und Stoiber, was sie nach solch einem Affront gemacht hätten. Stoiber: "Ich bin emotionaler als Frau Merkel. Ich glaube, dass ich da nicht so hinweggegangen wäre." Und Vogel, der so viele Ämter wie kaum ein anderer Politiker hatte: "Mit mir ist in all meinen Funktionen ein solcher Versuch nicht unternommen worden." Die zwei Einschätzungen reichten um zu wissen, wie die Stimmung in der schwarz-gelben Koalition derzeit ist.
Und noch in einem weiteren Punkt versuchte Jauch den FDP-Chef zu stellen. Wieso denn bitteschön die FDP in Nordrhein-Westfalen die rot-grüne Minderheitsregierung zum Sturz gebracht habe bei Umfragewerten, die bei zwei Prozent liegen. "Was hat Sie geritten, das zu tun?", fragte Jauch ganz am Ende der Sendung. In der kurzen Zeit konnte Rösler da vor allem Werbung in Sachen seiner Partei machen. Diese habe dadurch Glaubwürdigkeit gezeigt und konsequent gehandelt.
Die Angst, vom Mainstream abzuweichen
Eine andere Frage hätte eigentlich dem Moderator gestellt werden müssen: Warum ist Jauch nicht nach den unzähligen Talkshows und anderen Sendungen zu Gauck ausgeschert und hat gleich einen ganzen Talk zum politischen Erdbeben in NRW gemacht?
Am Mittwoch Anne Will, am Donnerstag Maybrit Illner, am Sonntag Jauch und am Montag auch noch mal Plasberg drehten und drehen sich in ermüdender Vielseitigkeit um Gauck. Da wäre die NRW-Neuwahl und ihre möglichen Folgen als Thema frischer gewesen – doch anders als die Linken traute sich Jauch nicht, vom Mainstream abzuweichen.
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| Kategorie: Meine Artikel | Hinzugefügt von: semenivanov88 (19.03.2012)
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